Manchmal hat die Freiheit, die uns in der Gestaltung von (Poly*) Beziehungen gegeben ist, einen gefühlten Nachteil oder einen entscheidenden Vorteil: du musst dir deine Grenzen, deine Wünsche und deine Vorstellungen selber erarbeiten und mit deinen Partner*innen abstimmen. Es passieren Ereignisse in deinem Leben, die dich zum Nachdenken bewegen und vor allem zum Überdenken deiner bisherigen Strukturen. In meinem Kopf sind Fragen aufgebrochen, die ich aktuell nicht beantworten kann, die ich aber in naher Zukunft ausgestalten möchte: was darf/soll/muss ich meinen Partner*innen in einer Poly-Beziehung mitteilen? Wie viel möchte ich erfahren? Sehr auf der Seele brennt mir: welches Recht haben wir, Dinge, wie Sexkontakte und aktuelle Gefühlszustände zu erfahren? Und wenn wir uns dies nicht mehr mitteilen, was ist das dann noch für eine Beziehung?
Ich hatte zum Glück weniger Schwierigkeiten mit dem Umstieg meiner Gedanken- und Gefühlswelt von monogamen Denkmustern zu polyamoren Strukturen. Das lag einerseits daran, dass ich damit früh begonnen habe und mir viel Zeit dafür nahm, anderseits, weil ich das Konzept für ehrlicher, tiefer und mich passender empfunden habe. Nun merke ich aber, wie ich dennoch enorm sozialisiert wurde und auch in mir monogame Züge verwurzelt sind. Zumindest befürchte ich, dass meine oben aufgeworfenen Fragen rein monogamer Herkunft entspringen.
Es geht ganz konkret darum, dass ich nicht weiß, ob die beteiligten Partner*innen erzählen sollten, wenn sie Sex mit anderen Menschen hatten, wenn sie Dates hatten und wenn sie sich verlieben. Wann ist es okay, etwas nicht zu erzählen? Was ist gar zu privat, um es zu berichten und was muss unbedingt kommuniziert werden?
Gelernt habe ich – was im Übrigen auch immer noch von der Medienwelt und Gesellschaft suggeriert wird – dass die Partnerin*der Partner eine Position einnimmt, die viele Rollen beinhaltet. Dieser Mensch muss daher eine Fülle von Aufgaben übernehmen und ist die*der wichtigste Mensch an der eigenen Seite. Mit Nichten wird es in allen monogamen Beziehungen so praktiziert, natürlich gibt es auch hier ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten, die ausgelebt werden. Allerdings ist dort Eines immer gleich: die Liebe ist exklusiv und soll auch exklusiv bleiben.
Da Liebe aber etwas nicht Greifbares ist, wird Allerlei getan, damit das Gefühl entsteht, dass dieser Gefühlszustand nur einem Menschen gehört. Es werden konfuse Regeln aufgestellt, die uns augenscheinlich Sicherheit geben. Dazu gehört das wohl Bekannteste: kein körperlicher Austausch mit anderen Menschen, dazu gehört oftmals, dass sich Partner*innen alles erzählen sollen und eben das Übernehmen von einer Rolle, die zig andere Rollen beinhaltet.
Nun haben polyamore Menschen all diese Regeln nicht und sprechen dennoch von Liebe und Beziehung. Ich hatte damit nie ein Problem, ich glaube daran, dass Liebe eben nicht über solche Regeln greifbarer wird. Dennoch war mir immer wichtig, dass meine festen Partner*innen erzählen, wenn sie Sex hatten und neue Menschen, die für sie wichtig sind, in ihr Leben treten.
Wieso ich das will? Das habe ich mich noch nie gefragt. Es war für mich eine selbstverständliche Regel, die nicht alle Polybeziehungen so handhaben, die aber dennoch weit verbreitet ist. Vermutlich sollte mir diese Regel zeigen, wie verbunden wir sind, weil wir einander Dinge sagen, die unsere Liebe greifbarer macht. Die Regel soll mir Sicherheit geben, ähnlich wie in monogamen Beziehungen, die Regel der Exklusivität der Liebe. Diese Exklusivität herrscht aber in der Polywelt nicht mehr vor. Vielleicht hat meine Fragestellung auch andere Gründe, die nicht mit dem Beziehungmodell erklärt werden können. Sind Menschen nicht auch – trotz meiner Abneigung gegen Viele – soziale Wesen und vielleicht ist es eine Mischung aus ehrlichem Interesse am Menschen und der egoistischen Sichtweise, wissen zu wollen woran ich bei meinen Partner*innen bin?
Wahrscheinlich ist es wie mit Allem: ich sollte auf meinen Bauch hören und das tun, was mir und meinen Partner*innen gut tut. Regeln müssen umgeworfen werden, neu verhandelt oder überdacht. Auch wenn mich dieses Fazit nicht befriedigt, wird es keine allgemeingültige Antwort geben. Ich werde in mich horchen und den entscheidenden Vorteil nutzen, die Möglichkeit zu haben, Rahmenbedingungen selber gestalten zu können.
Fortsetzung folgt…..