Beinha(a)rt – die Schattenseiten des Sommers

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In Deutschland ist der Sommer angekommen – zumindest in einigen Teilen. Mir ist es häufig viel zu heiß und bei der Hitze sehne ich mir den Herbst herbei. Einen Vorteil hat das warme Wetter allerdings: ich kann endlich wieder meine Shorts und die knappen Oberteile herrauskramen. Neben dem Aufladen des Vitamin D-Depots, der damit einhergehenden guten Laune und lauwarmen Nächten, hat der Sommer aber auch Schattenseiten. Denn der Sommer ist wohl die Jahreszeit, in der am häufigsten Fragen über Äußerlichkeiten bei weiblich gelesenen Menschen auftreten: wie knapp darf die Shorts sein? Kann ich auch ohne BH rausgehen? Darf ich Haut zeigen, wenn ich nicht Size Zero habe? Wie viele Haare an den Beinen und anderen Körperstellen sind ok?

Leichtigkeit, Unbeschwertheit und gute Laune suggeriet die Medienwelt, sobald das Thermometer steigt. Die Menschen in den Medien – und eigentlich gefühlt überall – sind so schön, als seien sie gerade aus einem Werbekatalog entsprungen. Die perfekte Bikinifigur ist Pflicht und ständig wird einem die gute Laune aufgedrückt. Natürlich tut es gut, wenn die Sonne deinen Körper wärmt, aber oft wird das Entspannen in der Öffentlichkeit zum quälenden Auftritt, der entweder ewig vorbereitet wurde und/oder einem den letzten Nerv raubt.

Ich habe mich schon seit Jahren von ständigem Make-Up getrennt und mein Rasierer kommt auch nur noch zum Gebrauch, wenn ich mir meine Achseln rasiere. Den ständigen Kampf mit Mascara & Co sowie die zeitfressenden Minuten unter der Dusche für das Beine Rasieren spare ich mir. Nicht nur mein Zeitkonto freut sich, auch mein Geldbeutel und allen voran meine Haut!

Auch wenn mein Ego mindestens genauso groß ist wie mein Herz und ich mir über die Jahre – im wahrsten Sinne des Wortes – ein dickes Fell zugelegt habe, mache ich mir gerade im Sommer Gedanken über meine Beinbehaarung. Ich habe eine zeitlang mit der Hormonspirale verhütet, wodurch ich mehr Haarwuchs bekommen habe. Vorrangig sind meine Schienenbeine betroffen. Dennoch sehe ich es nicht ein, diese zu rasieren. Oft ärgere ich mich, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache und mich von der Gesellschaft leiten lasse. Aber noch nie habe ich darüber nachgedacht, mir die Haare weg zu rasieren. Ich stehe zu meinem Körper und hinterfrage lieber meine Gefühle, die Ängste und Sorgen in diesen Momenten. Diese sind leider gar nicht so unberechtigt. Erst kürzlich habe ich einige Menschen zum Thema Beine rasieren bei Frauen* befragt (auf einer Online Dating Plattform) . Die Antworten waren erschreckend ehrlich, hier ein kleiner Ausschnitt der Aussagen:

PhotoGrid_1496437482126Bei der Fülle von Antworten, ist es kein Wunder, dass Frauen* Stress haben und sich Gedanken machen: Was sagt wohl mein Date zu den Haaren an den Beinen? Was ist, wenn sie*er mich deswegen ekelhaft findet? Was denken die Leute auf der Straße, wenn sie meine nicht rasierten Beine sehen? Wie an den Antworten der „Umfrage“ zu erkennen, machen sich Frauen* leider nicht unbegründet einen Kopf darüber. Denn sie werden überall damit konfrontiert. Sei es in einer Werbung von Otto mit Guido Maria Kretschmer (https://youtu.be/ofsVR1Xejuw), im Frauen*magazin, welches zum Rasieren aufruft und die 12 tollsten Tipps parat hat oder die beste Freundin, die einem den Ratschlag gibt vor dem Date doch lieber nochmal alles glatt zu rasieren. Witzig finde ich allerdings, dass den meisten Menschen die Haare auf meinem Kopf gar nicht lang genug sein können, ob ich dadurch wohl am Rest meines Körper sparen muss?!

Es gibt also eine ständige Angst bei Frauen* aufgrund von Äußerlichkeiten abgelehnt zu werden. Sich deswegen anzupassen oder zu verstecken ist leider bei vielen die Realität. Oft wird die Behaarung an Frauen*körpern mit Unhygiene gleichgesetzt. Die Industrie hat es wohl erfolgreich geschafft uns Menschen ins Gehirn zu pflanzen, dass Frauen*körper nur haarlos wirklich schön sind. Immerhin wird ein riesen Umsatz mit jeglichen Schönheitsartikeln betrieben. Natürlich wäre es daher verdammt schade, wenn viele Frauen* plötzlich nicht mehr zum Rasierer, Kaltwachsstreifen oder Epilierer greifen! Ironie off. Der Körper der Frau* steht ständig im Fokus der Öffentlichkeit, jede*r meint, sie*er dürfen ein Wörtchen mitreden und so fühlt es sich häufig an, als sei ich als weiblich gelesener Mensch nicht mehr selbstbestimmt, sondern muss mich für mein Umfeld anpassen. Es sind die täglichen kleinen Aussagen auf Facebook und Instagram, es sind die Blicke von Menschen und die Bilder in der Medienwelt, die selbst starke Frauen* zweifeln lassen. Ich habe es satt, ich habe genug davon!

Viel mehr hoffe ich, dass sich das Schönheitsideal in der Gesellschaft dahingehend ändert, dass es egal ist, ob Menschen Haare an den Beinen oder sonst wo haben. Denn die Körper von Frauen* (und selbstverständlich auch von allen anderen Menschen) sind schön, ob nun frisch rasiert oder mit natürlicher Haarpracht. Ich wünsche mir, dass sich jede*r im eigenen Körper wohlfühlen kann. Somit gehe ich mutig voran und zeige meine unrasierten Beine seit Jahren der Öffentlichkeit. Es ist kein ein- oder zweijähriges Experiment, welches mittlerweile häufiger in den Medien vorkommt. Es ist verdammt nochmal normal Haare an den Beinen oder sonst wo zu haben. Nicht nur für ein oder zwei Jahren als „Mutprobe“ auf Zeit, sondern für länger, gar für immer! Trotz meiner manchmal aufkommenden Bedenken kann ich euch als jahrelange Beinhaarwuchsträgerin sagen: an Dates, Komplimenten und gutem Sex hapert es bei mir definitiv nicht. Die meisten Menschen gehen viel lockerer damit um, als ich es oft vermutet hätte. Die gemeine Angst steckt vor allem in meinem Kopf. Es ist eine schöne Erfahrung, dass ich als Mensch gemocht werde und die Haare dabei eine völlig belanglose Rolle spielen (können). Es ist aber auch – das kann ich nicht leugnen – ein steiniger Weg mit einigen Zweifeln bis ihr völlig glücklich mit den Haaren an eurem Körper seid. Dieser Weg lohnt sich allerdings enorm! Ihr tut nicht nur euch damit einen Gefallen, sondern fungiert als Vorbild für unzählige Menschen dort draußen. Sollte ich doch mal auf Menschen treffen, die mich aufgrund meiner Haare ablehnen, bin ich deswegen nicht traurig. Denn solche Menschen sind meine Energien nicht wert und eure ganz sicher auch nicht. Seid also mutig und steht zu eurer Körperbehaarung, wenn ihr schon lange keine Lust mehr auf Rasier & Co habt, es tut unglaublich gut du selbst sein zu können… Ganz nach dem Motto: Shave because you want to – not because you have to!

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