Weil du mehr als mein bester Freund bist und ich es endlich sagen darf

Vor etlichen Jahren lernte ich dich online über eine Dating Plattform kennen. Apps a la Tinder & Co gab es noch nicht und so schrieben wir lange über ICQ. Irgendwann trafen wir uns in einem Café und ich kann mich erinnern, dass wir beide gerne Kakao tranken. Allzu viel von dem Treffen weiß ich allerdings nicht mehr, liegt es doch mittlerweile eine halbe Ewigkeit zurück. Dieses Jahr müssten es rund elf Jahre sein. Elf Jahre, in denen du mein Leben begleitest. Häufig schreiben wir täglich, manchmal gibt es Phasen in denen wir für einige Wochen kaum ein Wort wechseln und immer wieder bricht der Kontakt ab, weil wütende, eifersüchtige Freundinnen in deinem Leben einen Platz gefunden haben oder ich vergeben war und es gerade nicht passte. Am Ende fanden wir dennoch jedes Mal wieder zueinander zurück.

Lange, lange habe ich nicht verstanden, was das genau zwischen uns war. Ich bezeichnete dich als meinen besten Freund und verteidigte dich wie eine Löwin vor all meinen monogamen Liebesbeziehungen. Ich war enttäuscht, wenn der Kontakt aufgrund von eifersüchtigen Menschen abbrach und freute mich umsomehr, wenn ich in deinen Armen liegen durfte. Oft haben wir das heimlich getan. Niemand wusste davon, weil ich oder du oder wir beide vergeben waren. Vergeben an den einzig Wahren, an die einzig Wahre, an die Liebe unseres Lebens! So wurde ich sozialiert, so dachte ich wäre es richtig. Mein Herz darf ich nur einem Menschen schenken und am besten sollte ich mit diesem bis an mein Lebensende glücklich zusammen sein. Damals wusste ich noch nichts von Polyamorie und verortete unsere Machenschaften in die Kategorie „komische Kiste“ und vor allem in den Bereich „das gehört sich nicht“.

latest-1

Eine meiner Lieblingserien ‚How I met your Mother‘ öffnete mir die Augen. Das Finale der Serie war für viele Fans ein Graus. Ted wollte nämlich all die Jahre gar nicht nur die gesuchte Mutter, auf die, die Serie so lange hinarbeitete und auch die anderen Liebesbeziehungen, die er zwischendurch hatte, waren eigentlich uninteressant. Denn als seine Frau in der letzten Folge verstarb (was zur Hölle ist das für ein komisches Ende?!), stand er plötzlich wieder vor Robin und machte ihr den Hof. All die Versuche es doch mit Robin zu probieren und das ständige Knistern zwischen Robin und ihm, machten nun einen Sinn. Ich habe 1 + 1 zusammengezählt und schlussfolgerte, dass du wohl auch mein(e) Robin sein musst! Öfters habe ich dir das mittgeteilt, ob du es verstanden hast, weiß ich nicht. Ich bezeichnete unsere „komische Kiste“ als Daily Soap, nicht real und ein ständiges Gefühlschaos. Der Gedanke, dass wir am Ende einander finden, wie Robin und Ted es taten, gefiel mir immer mehr. Allerdings gefiel mir nicht, dass ich dafür meinen Partner aufgeben müsste. Dieser Gedanke fraß mich auf. Wenn wir tief in uns hineinschauten, wussten wir außerdem, dass das mit uns beiden sowieso nicht klappen würde. Das Katz- und Mausspiel, das heimliche Knistern mochten wir zu sehr. Ich hatte Angst, irgendwas zu verlieren, wenn ich mich ganz offiziell (monogam) auf dich einlassen würde. Angst dich als Freund zu verlieren, Angst meine Beziehung zu verlieren, Angst vor dem Scheitern, Angst nicht zu genügen. So sind wir also bis heute einfach nur „komische“ Freunde.

Erst kürzlich gab es wieder eine längere Phase ohne Kontakt, weil du eine eifersüchtige (Ex)-Freundin hattest. In dieser Zeit ist bei mir viel passiert. Meine bis dato sexuell offene Beziehung hat einen Umbruch erlebt und so schlägt mein Herz mittlerweile im Takt der Polyamorie. Einen Takt, durch den ich festgestellt habe, dass du mehr als mein(e) Robin sein kannst. Ich habe spüren dürfen, dass ich mich nicht für oder gegen dich entscheiden muss und vor allem weiß ich nun, dass ich keine Angst haben brauche, dich zu verlieren. Ich kann dieses „komische Gefühl“ zwischen uns nun endlich einordnen. Es ist absolut nichts Schlimmes, was wir verheimlichen müssen und ich weiß, dass es mir verdammt gut tut. Du tust mir gut.

In mir macht sich gerade ein Anflug der Entspannung breit. Du hast mich angeschrieben, wir haben wieder Kontakt und endlich habe ich nicht mehr das Gefühl von „alles oder nichts“. Durch die Polyamorie kann ich dich einfach so lassen, wie du bist, kann vor allem uns so lassen, wie wir sind. Mal Freunde.. mal mehr. Mein Herz darf offiziell hin und wieder für dich schlagen und ich brauche keine Angst zu haben, irgendwen zu verlieren. Nicht dich und nicht meine Beziehung. Es tut gut zu wissen, dass wir es nicht mehr heimlich machen müssen und vor allem, dass es nicht falsch ist was wir da tun. Wir brauchen kein Label für die Sache zwischen uns und sollten wir eines Tages doch eine Bezeichnung dafür haben wollen, legt mir die Monogamie keine Steine mehr in den Weg. Ich fühle mich frei und zugleich bin ich mit meinen Liebsten tiefer verbunden als je zuvor.

Nun muss nur noch dein Herz ins Becken der Polyamorie springen. Vielleicht stände unserem Glück nach fast elf Jahren dann endlich nichts mehr im Wege!

Danke für diese lange Reise. Auf weitere elf Jahre mit dir, Robin ❤

3 Kommentare zu „Weil du mehr als mein bester Freund bist und ich es endlich sagen darf

  1. Was du hier beschreibst, kommt mir verdammt bekannt vor. Zumindest als Außenstehende. Ich könnte wetten, dass die zwei Personen, die ich kenne oder deren Story mir vage bekannt ist, auch so denken. Nicht, dass du denkst, ich will dich verurteilen – gar nicht, aber mich, die mit dem männlichen Part dieser Konstellation was am Laufen hatte (was aber auch keine Beziehung oder Liebe war), verletzte es schon sehr zu sehen, dass er eine Kryptonit-Frau im Leben hat (mit der er ebenfalls nie die endgültige Erfüllung haben wird) und ich anscheinend der Störfaktor bin. Aufgrunde einiger Äußerungen von ihm hatte ich auch das Gefühl, er könnte polyamorös sein. Auf jeden Fall hat er diese eine Frau, an der sein Herz anscheinend für immer hängen wird, auch wenn sie nicht zusammen sind. Hinzu kommt dann noch, dass sie verheiratet ist, aber anscheinend nicht mit ihrem Mann zusammenlebt. Ich kam mir vor als wäre ich mitten in dieser verqueren Konstellation. Noch dazu, weil ich ihn nicht liebe, aber irgendwie auf eine Art doch. Dein Text hat echt einen Nerv in mir getroffen. Nicht negativ gemeint. Vielleicht verletzt es mich einfach, weil er mir am Anfang Liebe entgegenbrachte und sich dann wieder zu ihr „bekannte“ und ich vielleicht auch neidisch bin auf so eine treue, unerfüllte Liebe. Andererseits glaube ich, dass es irgendwann einen ungesunden Punkt erreicht und es vielleicht nur emotionale Abhängigkeit ist. Ganz schön kompliziert solche Gefühlskonstellationen. 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir für deine Antwort. Es tut mir leid, dass es bei dir so kompliziert ist und es dich anscheinend verletzt. Ich kann dir aber sagen, dass das Schöne an der Polyamorie ist, dass es eben nicht nur einen Menschen gibt. Es gibt dann keinen „Störfaktor“ in einer Zweierkonstellation, weil eben jegliche Konstellationen möglich sind und niemand außen vor bleiben muss 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Danke dir!
        Ich kann das Konzept schon verstehen. Nur kann man damit leider nicht klarkommen, wenn man selbst nicht polyamorös ist. Auch wenn ich mit ihm keine Beziehung hatte und auch keine wollte, verletzt mich der Gedanke, dass er noch mit anderen körperlich werden könnte. Wenn man das Konzept der „monoganen“ Liebe im Kopf hat und so fühlt, dann möchte man den Menschen halt nicht teilen.
        Wie gesagt, ich will das nicht veurteilen. Es funktioniert halt auch nur, wenn es für alle Beteiligten ok ist.
        Sie war ja dann auch eifersüchtig, als sie von mir erfuhr. Und er behauptete zunächst noch, er sei über sie hinweg, sie wären nur Freunde und sie ist einfach nur ein wichtiger Mensch.
        Doch dann besuchte er sie und es lief doch wieder was. Und das mit mir wollte er nicht mehr. Was mich dann letztendlich zweifeln ließ, ob er wirklich polyamorös ist. Ich glaube, dass er einfach noch nicht herausgefunden hat, was er wirklich will und braucht. Weil er andererseits nämlich auch sagt, dass er generell keine Beziehung will und eher „Einzelgänger“ ist. Auch hatte ich den Eindruck, dass er ein schlechtes Gewissen hat, sich bei mir lediglich Körperlichkeiten und Zuneigungen ohne Liebe hinzugeben.
        Und ich fand es auch immer komisch, dass ich mich so stark zu ihm hingezogen fühle und Gefühle empfinde, obwohl ich ihn nicht liebe.
        Also die Sache mit ihn hat mir selbst schon zu denken gegeben, was ich überhaupt will und brauche und wer ich überhaupt bin oder sein will. 😀
        Ich sag ja, Gefühle sind megakompliziert…
        Fand auf jeden Fall interessant, mal die Seite zu lesen.

        Like

Hinterlasse eine Antwort zu Tempest Antwort abbrechen